Medizinische Ästhetik verstehen

Fillerface durch Hyaluron – muss man davor Angst haben?

Wer sich heute in sozialen Medien über Hyaluron informiert, begegnet früher oder später dem Begriff „Fillerface“ oder „Puffy Face“. Dazu sieht man Bilder von sehr auffällig behandelten Gesichtern und hört Warnungen, Hyaluron mache das Gesicht zwangsläufig dick, aufgedunsen oder unnatürlich. Manchmal heißt es außerdem, das Material löse sich nicht mehr auf, wandere mit der Zeit durch das Gesicht und führe deshalb früher oder später bei jeder behandelten Person zu demselben Ergebnis.

Kein Wunder, dass viele Kundinnen verunsichert sind. In meiner Praxis tauchen diese Fragen inzwischen in fast jedem Beratungsgespräch auf.

Die kurze Antwort lautet: Nein, eine Behandlung mit Hyaluron führt nicht automatisch zu einem Fillerface. Aber die ausführliche Antwort ist interessanter – denn unter diesem Begriff werden mehrere sehr unterschiedliche Dinge zusammengefasst.

Wir sehen vor allem die auffälligen Behandlungen

Wenn ein Gesicht stark verändert, sehr voluminös oder sichtbar modelliert aussieht, fällt uns das sofort auf. Eine natürlich ausgeführte Behandlung erkennen wir dagegen meistens gar nicht als Behandlung. Wir sehen lediglich, dass jemand frischer, erholter oder harmonischer wirkt.

Dadurch entsteht ein Wahrnehmungsfehler: Die auffälligen Beispiele bleiben in Erinnerung und werden in sozialen Medien immer wieder gezeigt. Die vielen unauffälligen Ergebnisse tauchen in dieser Bilderwelt praktisch nicht auf – gerade weil sie unauffällig sind.

Ein ähnliches Phänomen erlebe ich bei der Behandlung der Lippen. Wenn ich bei einer Beratung erwähne, dass auch ein behutsamer Ausgleich des altersbedingt verlorenen Lippenvolumens hilfreich sein könnte, reagieren manche Frauen zunächst erschrocken. Vor ihrem inneren Auge sehen sie sehr große, hart wirkende und deutlich unterspritzte Lippen.

Eine Lippenbehandlung muss aber nicht bedeuten, eine neue oder möglichst große Lippe zu formen. Mit einer kleinen Menge eines passenden, weicheren Produktes können verlorene Kontur, Struktur und Volumen vorsichtig ausgeglichen werden. Im Idealfall sieht die Lippe anschließend schön und jugendlich aus – nicht „aufgespritzt“.

Auffällig bedeutet nicht automatisch misslungen

Nicht jede deutlich sichtbare Veränderung ist ein Behandlungsunfall. Manche Menschen wünschen sich ausdrücklich stark betonte Konturen, sehr viel Volumen oder einen sichtbar künstlichen Look. Schönheitsvorstellungen sind persönlich und unterscheiden sich außerdem zwischen Kulturen, sozialen Gruppen und Moden.

Ein auffälliges Ergebnis kann deshalb genau das Ergebnis sein, das gewünscht und geplant wurde. Es ist nicht automatisch der Beweis für mangelndes Können – und schon gar kein Beweis dafür, dass jede Behandlung mit Hyaluron zwangsläufig so endet.

Meine eigene ästhetische Handschrift ist eine andere. Mich reizt die Herausforderung, möglichst viel positive Veränderung zu erreichen und dabei Natürlichkeit, Ausdruck und persönliche Gesichtszüge zu erhalten. Das entspricht auch dem Wunsch der meisten Kundinnen, die zu mir kommen: Sie möchten frischer, harmonischer oder erholter aussehen, ohne dass ihr Umfeld sofort eine ästhetische Behandlung erkennt.

Es geht mir also nicht darum, künstlichere Looks oder andere ästhetische Wünsche zu bewerten. Es geht darum, klar zu zeigen, für welche Art von Ergebnis ich selbst stehe.

Wie entsteht ein überfülltes Gesicht?

Unser Gesicht verändert sich nicht nur an der Oberfläche. Mit zunehmendem Alter verändern sich Haut, Knochen, Haltestrukturen und die verschiedenen oberflächlichen und tieferen Fettkompartimente. In bestimmten Bereichen geht stützendes Volumen verloren, während sich Gewebe verlagert und Konturen absinken können. So können beispielsweise die Wangen flacher wirken, die Nasolabialfalte deutlicher hervortreten oder sogenannte Hängebäckchen entstehen.

Gezielt eingesetztes Hyaluron kann fehlendes Volumen ausgleichen und dadurch Proportionen unterstützen. Dafür stehen Produkte mit unterschiedlichen Eigenschaften zur Verfügung. Welches Produkt in welcher Menge und in welcher Gewebeschicht sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Ausgangssituation ab.

Mehr Volumen ist dabei nicht unbegrenzt die richtige Antwort. Wenn die Hautelastizität deutlich nachgelassen hat oder andere Veränderungen im Vordergrund stehen, lässt sich ein Gesicht nicht immer weiter durch zusätzliches Volumen „liften“. Irgendwann würde es lediglich voller, ohne dass dadurch das gewünschte Ergebnis entsteht.

Ein überfüllter Eindruck kann außerdem entstehen, wenn wiederholt nachgespritzt wird, ohne sorgfältig zu beurteilen, wie viel Produkt oder Volumenwirkung noch vorhanden ist. Zu einer verantwortungsvollen Behandlung gehört deshalb nicht nur die Frage, wo man etwas ergänzen könnte. Ebenso wichtig ist die Frage, wann genug erreicht ist – und wann eine andere Methode oder auch gar keine weitere Behandlung sinnvoller wäre.

Löst sich Hyaluron vollständig wieder auf?

Lange Zeit wurde häufig pauschal angegeben, Hyaluron sei nach einigen Monaten vollständig abgebaut. Inzwischen weiß man, dass das Material beziehungsweise eine durch Hyaluron erzeugte Volumenwirkung in manchen Regionen wesentlich länger nachweisbar sein kann. Wie lange, hängt unter anderem vom Produkt, der behandelten Region, der Platzierung, der verwendeten Menge und individuellen Faktoren ab.

Das ist zunächst weder automatisch gut noch automatisch schlecht. Eine länger anhaltende Wirkung kann bedeuten, dass nicht in kurzen Abständen immer wieder dieselbe Menge benötigt wird. Sie verlangt aber einen erfahrenen Blick und eine neue Beurteilung vor jeder weiteren Behandlung.

Ein routinemäßiges „Nachfüllen“, nur weil seit dem letzten Termin eine bestimmte Zeit vergangen ist, halte ich deshalb nicht für sinnvoll. Entscheidend ist, was das Gesicht zu diesem Zeitpunkt tatsächlich braucht.

Wandert Hyaluron zwangsläufig durch das Gesicht?

Auch diese Behauptung begegnet mir in sozialen Medien häufig. Die Antwort lautet: Nein. Richtig eingesetztes Hyaluron wandert nicht automatisch im Laufe der Zeit unkontrolliert durch das Gesicht.

Eine tatsächliche Migration ist möglich, wird bei Hyaluron in der veröffentlichten Fachliteratur aber als selten beschrieben. Sie kann unter anderem durch eine ungünstige Platzierung, ungeeignete Produkteigenschaften, zu große Mengen, hohen Injektionsdruck, starke mechanische Einwirkung oder die besondere Beweglichkeit einer Region begünstigt werden.

Wichtig ist außerdem, verschiedene Phänomene nicht miteinander zu verwechseln:

  • Schwellung: Hyaluron bindet Wasser. Eine Schwellung kann deshalb wie zusätzliches oder verschobenes Volumen aussehen, ohne dass das Produkt tatsächlich gewandert ist.
  • Überkorrektur oder Ansammlung: Wird zu viel Produkt verwendet oder über längere Zeit wiederholt ergänzt, kann ein Bereich zu voll wirken.
  • Verteilung: Ein Gel kann sich innerhalb des behandelten anatomischen Bereichs verteilen. Das ist nicht dasselbe wie eine echte Migration an eine deutlich entfernte Stelle.
  • Migration: Dabei befindet sich Material außerhalb des ursprünglich behandelten Bereichs. Sie ist möglich, aber keineswegs eine unausweichliche Folge jeder Hyaluronbehandlung.

Wenn im Internet alle diese Erscheinungen unter dem Wort „Verrutschen“ zusammengefasst werden, entsteht ein beängstigendes, aber fachlich ungenaues Bild.

Natürlichkeit ist kein Zufall

Ein natürliches Ergebnis hängt nicht allein vom verwendeten Produkt ab. Entscheidend sind die richtige Indikation, anatomische Kenntnisse, die Wahl des passenden Produktes, die richtige Gewebeschicht, eine angemessene Dosierung und ein Gefühl für die Proportionen des gesamten Gesichts.

Ebenso wichtig ist die Beratung. Eine Kundin darf selbstverständlich mit einer konkreten Idee zu mir kommen. Meine Aufgabe besteht aber nicht darin, jeden Wunsch ungeprüft auszuführen. Ich erkläre, was sich realistisch erreichen lässt, welche Behandlung ich für sinnvoll halte und wovon ich gegebenenfalls abraten würde.

Manchmal reicht eine einzelne kleine Behandlung. Manchmal entsteht ein stimmiges Gesamtergebnis durch mehrere, aufeinander abgestimmte Schritte. Diese müssen nicht alle gleichzeitig umgesetzt werden. Die Kundin entscheidet selbst, was sie umsetzen möchte und in welchem Tempo.

Muss man also Angst vor einem Fillerface haben?

Nein. Hyaluron führt nicht zwangsläufig zu einem dicken, aufgedunsenen oder veränderten Gesicht. Besonders auffällige Beispiele in den Medien zeigen häufig bewusst stark modellierte Looks oder Ergebnisse, bei denen Menge, Platzierung, Produktwahl und wiederholte Behandlungen eine Rolle spielen. Sie zeigen nicht, wie jede Hyaluronbehandlung aussehen muss.

Gleichzeitig ist Hyaluron keine harmlose Kosmetik und keine Behandlung ohne mögliche Nebenwirkungen oder Komplikationen. Deshalb gehören eine sorgfältige Untersuchung, eine ehrliche Beratung und eine individuelle Risikoaufklärung immer dazu.

Mein persönliches Ziel lässt sich einfach zusammenfassen: möglichst viel positive Wirkung bei erhaltener Natürlichkeit. Wenn eine Behandlung gut geplant und dosiert ist, soll Ihr Umfeld nicht zuerst das Hyaluron sehen. Im besten Fall sieht man nur, dass Sie frischer und erholter wirken – und immer noch ganz selbstverständlich wie Sie selbst.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Untersuchung und Beratung. Welche Behandlung geeignet ist, lässt sich nur anhand der individuellen Ausgangssituation beurteilen.

Alle Beiträge ansehen