Medizinische Ästhetik verstehen

Fadenlifting: Möglichkeiten, Grenzen und ehrliche Beratung

Der Begriff Fadenlifting klingt zunächst eindeutig. Tatsächlich werden darunter sehr unterschiedliche Behandlungen zusammengefasst. Manche Fäden sollen das Gewebe mechanisch anheben. Andere werden eingesetzt, um die körpereigene Kollagenbildung anzuregen und dadurch die Hautstruktur zu unterstützen.

Das sind zwei verschiedene Behandlungsansätze. Sie haben unterschiedliche Möglichkeiten – und vor allem unterschiedliche Grenzen.

Mesofäden und Zugfäden sind nicht dasselbe

Mesofäden sind feine, selbstauflösende Fäden, meist aus PDO. Sie werden in das Gewebe eingebracht, um dort einen kontrollierten Reiz zu setzen. Dieser kann die körpereigene Kollagenbildung anregen. Das Ergebnis entsteht nicht durch ein mechanisches Hochziehen des Gesichts, sondern nach und nach durch die Reaktion des Gewebes.

Zugfäden besitzen dagegen Widerhaken oder andere Haltestrukturen. Sie sollen sich im Gewebe verankern und dieses in eine bestimmte Richtung ziehen. Dadurch kann unmittelbar nach der Behandlung ein sichtbarer Liftingeffekt entstehen.

Beides wird als Fadenlifting bezeichnet. Für eine Kundin, die sich zunächst nur allgemein über die Behandlung informiert, ist dieser Unterschied jedoch kaum zu erkennen.

Viele Namen und unterschiedliche Materialien

Fäden werden unter zahlreichen Produkt- und Methodennamen angeboten, beispielsweise Aptos oder Silhouette Soft. Hinzu kommen unterschiedliche Materialien. Neben Fäden aus Polydioxanon, kurz PDO, gibt es unter anderem Fäden aus Polymilchsäure sowie Kombinationen verschiedener resorbierbarer Materialien.

Teilweise wird damit geworben, dass ein bestimmtes Material die Kollagenbildung stärker oder länger anrege als ein anderes. Natürlich habe ich im Laufe meiner langjährigen Praxistätigkeit verschiedene Fäden und Materialien selbst ausprobiert. Einen für mich zuverlässig erkennbaren Unterschied im sichtbaren Ergebnis, der sich allein auf das verwendete Material zurückführen ließ, konnte ich dabei nicht feststellen.

Nach meiner Erfahrung sind die richtige Auswahl der Kundin, die vorhandene Gewebequalität, die Platzierung und realistische Erwartungen wesentlich entscheidender als ein besonders vielversprechender Produkt- oder Methodenname.

Was bedeutet die Werbung mit „langen Fäden“?

Manche Kliniken werben mit einer bestimmten Anzahl „langer Fäden“ und vergleichsweise günstigen Preisen. Diese Angabe kann leicht einen falschen Eindruck vermitteln. Ein Faden besitzt nicht automatisch Widerhaken und erzeugt nicht automatisch einen Zug, nur weil er lang ist. Es gibt auch lange, glatte Mesofäden.

Die Länge und Anzahl der Fäden sagen für sich genommen deshalb wenig über die Art, Qualität und zu erwartende Wirkung der Behandlung aus. Entscheidend ist, welcher Fadentyp verwendet wird, wie er im Gewebe wirkt und ob er zur jeweiligen Ausgangssituation passt. Wird lediglich mit einigen „langen Fäden“ geworben, kann schnell die Vorstellung entstehen, damit ließe sich zu einem günstigen Preis eine Art Facelift erzielen. Eine solche Darstellung kann falsche Erwartungen wecken.

Wann können Mesofäden sinnvoll sein?

Mit Mesofäden habe ich über viele Jahre gearbeitet und bei geeigneten Voraussetzungen schöne Ergebnisse erzielt. Entscheidend ist allerdings, dass das Gewebe noch ausreichend auf den gesetzten Reiz reagieren und neues Kollagen bilden kann.

Auch der vorhandene Hautüberschuss spielt eine wichtige Rolle. Mesofäden können die Hautqualität und Festigkeit unterstützen. Sie können überschüssiges Gewebe aber nicht entfernen. Ist die Haut bereits deutlich erschlafft oder ist nur noch wenig körpereigene Kollagenaktivität vorhanden, wird die Behandlung das erhoffte Ergebnis voraussichtlich nicht erreichen.

Hinweise auf die allgemeine Haut- und Gewebequalität zeigen sich nicht nur im Gesicht. Auch Hals, Dekolleté, Hände und Arme können bei der Einschätzung helfen. Ob Mesofäden sinnvoll sind, lässt sich deshalb nicht allein anhand einer einzelnen Falte entscheiden.

Das Ergebnis entwickelt sich langsam. Wer einen sofortigen, deutlich sichtbaren Liftingeffekt erwartet, wird mit Mesofäden wahrscheinlich nicht glücklich. Gerade die allmähliche Veränderung gefällt jedoch vielen Kundinnen: Die Haut kann mit der Zeit fester und besser unterstützt wirken, ohne dass die Umgebung eine plötzliche Behandlung erkennen muss.

Warum ich keine Zugfäden mehr verwende

Zugfäden werden häufig mit Bildern und Formulierungen beworben, die an ein chirurgisches Facelift erinnern. Genau an diesem Punkt halte ich eine sehr klare Beratung für wichtig.

Ein Zugfaden kann Gewebe erfassen und in eine andere Richtung ziehen. Vorhandener Hautüberschuss verschwindet dadurch aber nicht. Er kann bei einem Fadenlifting weder entfernt noch „weggezaubert“ werden. Deshalb kann ein Zugfaden nicht dasselbe leisten wie ein operatives Facelift. Bei einem chirurgischen Facelift können auch tiefer liegende Gewebeschichten gestrafft und überschüssige Haut entfernt werden – das ist mit einigen Fäden mit Widerhaken nicht zu erreichen.

Damit möchte ich nicht sagen, dass jeder irgendwann ein Facelift benötigt oder machen lassen möchte. Mir ist nur wichtig, ganz realistisch über die Möglichkeiten und Grenzen einer Behandlung zu informieren. Nur mit realistischen Erwartungen kann eine Kundin am Ende zufrieden sein – garantieren lässt sich ein bestimmtes Ergebnis trotzdem nicht.

Hinzu kommen mögliche Beschwerden und Komplikationen. Der Faden verankert sich mit seinen Widerhaken im Gewebe und übt dort Zug aus. Das kann noch längere Zeit unangenehm oder schmerzhaft spürbar sein. Es können außerdem sichtbare Grübchen, Einziehungen, Unregelmäßigkeiten oder Asymmetrien entstehen. Auch ein zunächst sichtbarer Effekt muss nicht in der Form bestehen bleiben, die sich eine Kundin erhofft.

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen und meiner heutigen fachlichen Einschätzung biete ich Zugfäden deshalb nicht mehr an. Das gilt auch für trendige Anwendungen wie ein sogenanntes Cat-Eye-Lift.

Kein Facelift zu wollen, ist eine völlig legitime Entscheidung

Wenn Fäden das gewünschte Ergebnis nicht liefern können, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Kundin sich operieren lassen muss. Viele Frauen möchten bewusst kein Facelift – ich selbst ebenfalls nicht.

Meine Aufgabe besteht dann darin, ehrlich zu erklären, was ohne Operation möglich ist und wo die Grenzen liegen. Je nach Ausgangssituation können beispielsweise Hyaluron, Profhilo, Mesotherapie oder andere Behandlungen zur Verbesserung von Volumen und Hautqualität infrage kommen.

Diese Methoden entfernen ebenfalls keinen Hautüberschuss. Sie verfolgen aber ein anderes, realistischeres Ziel: vorhandene Strukturen zu unterstützen, verlorenes Volumen auszugleichen oder die Hautqualität zu verbessern. Manchmal entsteht dadurch genau die Veränderung, mit der sich eine Kundin wohlfühlt – auch wenn sie keinem operativen Lifting entspricht.

Warum die persönliche Betrachtung so wichtig ist

Beim Fadenlifting lässt sich besonders schlecht allein nach einer allgemeinen Beschreibung oder nach Vorher-Nachher-Bildern entscheiden. Zwei ähnlich alte Frauen können eine völlig unterschiedliche Hautqualität, Kollagenaktivität und Gewebesituation haben.

Deshalb finde ich dieses Thema im persönlichen Gespräch wesentlich leichter und sinnvoller zu erklären. Wenn ich die jeweilige Frau und ihre individuelle Ausgangssituation vor mir habe, kann ich zeigen, welche Veränderung realistisch sein könnte und weshalb ich eine Behandlung empfehle oder davon abrate.

Eine ehrliche Beratung kann auch zu dem Ergebnis führen, dass Mesofäden voraussichtlich zu wenig bewirken würden. Dann sind sie aus meiner Sicht keine sinnvolle Investition. Eine Behandlung nur deshalb durchzuführen, weil sie grundsätzlich angeboten wird, passt nicht zu meiner Arbeitsweise. Mir liegt vor allem am Herzen, dass Sie meine Praxis anschließend mit dem guten Gefühl verlassen, etwas Sinnvolles für sich getan zu haben.

Mein heutiger Standpunkt zum Fadenlifting

Mesofäden zur Kollagenaktivierung: ja – wenn Haut, Gewebe und körpereigene Kollagenbildung dafür geeignet sind und die Erwartungen realistisch bleiben, können sehr schöne Ergebnisse entstehen.

Zugfäden als vermeintlicher Ersatz für ein Facelift: nein.

Diese klare Unterscheidung ist weniger spektakulär als ein großes Liftingversprechen. Sie schützt aber vor einer Behandlung, die viel Hoffnung weckt und unter den falschen Voraussetzungen wenig erfüllen kann.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Untersuchung, Beratung und Risikoaufklärung. Ob ein Fadenlifting oder eine andere Behandlung geeignet ist, lässt sich nur anhand der individuellen Ausgangssituation beurteilen.

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